Zu alt zum Singen?


Kürzlich sagte eine Frau, Mitte Fünfzig, sie würde ja gerne an meinen Gesangsklassen teilnehmen, aber es habe keinen Zweck mehr. Sie sei zu alt, um ihre gesanglichen Fähigkeiten noch mit Stimm-Übungen zu verbessern. Bodybuilder-Legende und Schauspieler Arnold Schwarzenegger hatte auf solche Einwände eine Standard-Antwort parat, wenn es um Fitness-Training ging. Sagte jemand: „Ich bin zu alt, um zu trainieren“, war seine Antwort: „Du bist zu alt, um nicht zu trainieren!“ In gleicher Weise sollten wir umdenken, wenn es um das Singen geht: Kommt man in die Jahre, wird das gezielte Training der Stimme noch wichtiger als zuvor – vorausgesetzt, man möchte bis ins hohe Alter singen können.

Alterszeichen
Die Anzeichen für das Altern der Stimme können entmutigend sein. Im Alter von Ende Vierzig oder Anfang Fünfzig beginnen altersbedingte Veränderungen des Stimmapparats, die auch hörbar werden. Betroffene berichten von Heiserkeit, früherer stimmlicher Ermüdung, Luftigkeit des Tons, Verlust der Höhe. Die Anzeichen stimmlicher Alterungsprozesse haben physiologische Ursachen. Knorpel des Kehlkopfes, auch die Stimmknorpel (Aryknorpel) beginnen zu verknöchern, die Stimm-Muskulatur bildet sich zurück und ihre neuromuskuläre Ansteuerung verschlechtert sich (daher oft schwankende Töne, unwillkürliches Tremolo u. Ä.). Die Stimmbänder selbst werden dünner und steifer (daher der Verlust an Dynamik und Höhe der Stimme), sie biegen sich v. a. bei Männern oft mit der Zeit nach außen (schließen nicht mehr richtig, daher die luftigen Töne) oder bilden Unregelmäßigkeiten am inneren Rand.

Die jung gebliebene Stimme und körperliche Fitness
Am Ende ist der stimmliche Alterungsprozess für jeden unausweichlich, die gute Nachricht aber ist: Es spricht vieles dafür, dass wir unsere Stimmfunktionen länger auf hohem Niveau erhalten können als viele es erwarten. Übrigens führen das auch viele Stars vor Augen, die noch bis weit in ihre siebte Lebensdekade hinein mit ihrem Gesang beeindrucken, z. B. Tom Jones oder Patti LaBelle.
Erneut können wir uns vom Sport eine Einsicht abgucken: Es kommt nicht auf das chronologische Alter, das Alter an gezählten Lebensjahren an, sondern auf das biologische Alter. Eine chronologisch „alte“ Stimme kann als viel jünger wahrgenommen werden, weil sie biologisch jünger geblieben ist. Eine nach Jahren alte Sängerin kann ihre Stimme jung gehalten haben, indem sie sich eine gute allgemeine Fitness bewahrt hat, einen gesunden Lebensstil gepflegt und ihre Stimmfunktionen über all die Jahre mit geeigneten Übungen leistungsfähig gehalten hat.
Tatsächlich ist die allgemeine körperliche Fitness eine vitale Komponente stimmlicher Leistungsfähigkeit. Der Atem ist die „Kraftquelle“ des Gesangs, er bringt die Stimmbänder zum Klingen. Machen wir uns klar: Anatomisch sind unsere Stimmbänder Luft-getriebene Oszillatoren, die sich zur Erzeugung von Tönen sehr schnell öffnen und schließen (z. B. 512 mal in der Sekunde, um ein hohes C zu singen). Stellen wir uns nun einen alternden Sänger vor, übergewichtig geworden, dem beim Treppensteigen schon nach ein paar Etagen die Luft ausgeht. Dem wird es schwer fallen, einen Song mit hohem Tempo und viel Text zu singen, zumal wenn noch eine aktive Bühnenperformance dazukommt. Seine Kurzatmigkeit beeinträchtigt den gleichmäßigen Luftstrom für seinen Gesang und führt zu kompensatorischen Muskel-Anspannungen in Nacken, Bauch und Zunge. Die Folge ist Pressen, zu viel Druck auf den Stimmbändern, und das führt zu frühzeitiger Stimm-Ermüdung oder Heiserkeit.
Für eine langlebige, gesunde Stimme ist deshalb eine gute Kondition erforderlich. Regelmäßiges Ausdauertraining wie Joggen (oder Walken), Schwimmen oder Fahrrad-Fahren schafft die Grundlage dafür. Ergänzend empfiehlt sich Krafttraining: eine gute Körperspannung ist z. B. wichtig für die aufrechte Haltung beim Singen.

Stimmliches Fitness-Programm
Herzstück des lebenslangen Singens ist ein stimmliches Fitness-Programm, das die grundlegenden Stimm-Funktionen erhält oder ausbaut: Haltung, Atmung & Stütze, Resonanz von Vokalen, Artikulation & Textarbeit, Brust- und Kopfstimme sowie spezielle Techniken wie „Twang“ oder „Belten“. Mehr dazu erfährst Du aus anderen Blog-Beiträgen sowie aus den Online-Gesangskursen auf dieser Website, die sich für Ältere ebenso wie für Jüngere empfehlen.
Die täglichen Übungs-Sessions sollten nach Möglichkeit kurz und fokussiert sein. Eine Faustregel dabei ist: ein Drittel der Zeit für stimmliches Warm-Up, ein Drittel für Vokalisen, Textarbeit usw., ein Drittel Arbeit an Songs. Gerade für ältere Menschen ist es wichtig, die Übungen in den Sessions zu variieren und der Stimme regelmäßig einen Tag Ruhe zu gönnen. Regeneration und das optimale Verhältnis von Belastung und Ruhezeit für sich zu finden – das ist eines der großen Geheimnisse der stimmlichen Gesundheit.

Alltag-Tipps für die Langlebigkeit der Stimme
Um die Stimme auch in höherem Alter leistungsfähig zu halten, sind unter Popular-Gesangspädagogen noch viele weitere Ratschläge für den Lebensalltag im Gespräch.
Zu allererst gehört dazu die Vermeidung stimmschädigender Gewohnheiten: Schreien, lautes Reden, häufiges Räuspern oder Husten, heftiges Nase-Schnäuzen und explosives, lautes Lachen fügen den Stimmbändern Verletzungen zu (Phonotraumata). Stattdessen empfiehlt sich, mit einer Lautstärke zu sprechen, die einer Armlänge Distanz zum Gesprächspartner angemessen ist. Für Sängerinnen und Sänger kann es heilsam sein, zusätzlich während des Tages Pausen für die Stimme einzuschieben („vocal naps“). Eine solche Phase kompletter Stille kann mental wie physisch erfrischend sein.
Wer singt, braucht viel Flüssigkeit, am besten Wasser. Zwar kommt das Wasser beim Trinken nicht direkt mit den Stimmbändern in Berührung (sonst müssen wir husten). In der Menge von 2-3 Litern am Tag sorgt es aber für eine systemische Wasserversorgung unseres Körpers, die auch unsere Mundschleimhäute und Stimmbänder gut befeuchtet und frisch hält. In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass Sänger so müheloser singen können. Ergänzend dazu ist es hilfreich, Nahrungsmittel und Medikamente zu vermeiden, die einen austrocknenden Effekt auf die Stimme haben, so z. B. Kaffee oder schwarzen Tee – Koffein wirkt dehydrierend.
Alkohol hat ebenfalls eine systemisch austrocknende Wirkung, noch mehr aber fällt ins Gewicht: Die Säure im Alkohol erhöht das Risiko für sauren Reflux. Säure im Magen, die beim Aufstoßen oder im Schlaf bis in den Kehlkopf vordringt, ist eine weit unterschätzte Ursache für stimmliche Probleme. Typische Symptome sind: eine schlechtere Stimme morgens nach dem Aufwachen, „Frosch“ im Hals, Verlust der hohen Stimmlage, schnellere stimmliche Ermüdung, ein saurer, brackiger Geschmack im Mund. Bei Verdacht auf Säure-Reflux ist Abklärung beim Arzt geboten. Gegebenenfalls sind Säure-hemmende Medikamente angezeigt, basische Lebensmittel zu bevorzugen, und generell gilt: Wenn wir zu Bett gehen, sollte das letzte Essen ca. drei Stunden zurückliegen.
Nikotin und Tabak sollten nicht übergangen werden, wenn es um Genussmittel geht, die wir vermeiden sollten. Bekannt ist, dass Tabak eine häufige Ursache von Kehlkopfkrebs ist. Was aber vielen nicht klar ist: Die Hitze einer Zigarette ist so weit über dem Siedepunkt, dass sie die Stimmbänder ganz direkt schädigt – bereits früh wird das in der „Raucherstimme“ hörbar. Ähnliches gilt für Cannabis.

Ärztliche Hilfe
Viele Menschen haben unentdeckte oder unbehandelte Allergien. Heuschnupfen, aber auch manche Nahrungsmittel-Allergien führen zu einem chronischen Reizzustand in den Atemwegen, der sich auf die Stimme auswirken kann. Hier lohnt sich eine medizinische Diagnose und Behandlung.
Wovon ältere Menschen in jedem Fall betroffen sind: hormonelle Veränderungen. Das Absinken des Testosteron-Spiegels bei Männern wie auch die niedrigeren Östrogen-Werte bei Frauen nach der Menopause haben einen Einfluss auf die Stimme. Eine ärztliche Untersuchung kann hier angezeigt sein, ggf. auch eine Hormon-Ersatztherapie (bei gewissenhafter Abwägung von Vorteilen und Risiken wie z. B. einer erhöhten Krebsgefahr). Veränderungen der Schilddrüsen-Funktion verdienen hier besondere Aufmerksamkeit, da sie häufig mit stimmlichen Veränderungen einhergehen wie einem geringeren Stimmumfang oder dumpfen Stimmklang.
Manchen Menschen mit altersbedingten Stimmschäden wird eine Operation empfohlen – etwa wenn die Stimmbänder so weit nach außen gebogen sind, dass sie nicht mehr schließen. Eine Kombination des Eingriffs mit stimmtherapeutischen Übungen hat sich dann in vielen Fällen bewährt, um Stimmfunktionen zurückzugewinnen. Vor einem operativen Eingriff ist jedoch eine gründliche medizinische Diagnose geboten, durch eine videogestützte stroboskopische Untersuchung des Kehlkopfs.

Die gute Nachricht
Zusammenfassend lässt sich sagen: Trotz des unausweichlichen Alterns lässt sich die Stimme über viele Jahrzehnte jung erhalten. Mit einem gesunden Lebensstil, guter Ernährung, einem ausdauertrainierten Herz-Kreislauf-System und medizinischer Betreuung. Und natürlich mit den richtigen Stimmübungen. Damit das Singen auch im Alter noch Spaß macht.
Sing a Song – be Happy!

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