Vibrato


„Vibrato“, das wellenartige, gleichmäßige Schwingen des Tons beim Singen: Das erinnert uns an Opern-Arien oder an alte Musicals. Das Singen mit Vibrato erscheint heute vielen unzeitgemäß. In der Rock- und Indie-Musik, aber auch in weiten Teilen des Pop wird das Gesangs-Vibrato gar nicht oder nur selten eingesetzt. Statt, wie im klassischen Gesang, eine selbstverständliche Qualität des gesungenen Tons zu sein, ist das Vibrato zu einer sparsam eingesetzten Ausdrucksqualität unter vielen anderen geworden.

Dennoch wünschen sich viele Sängerinnen und Sänger auch heute noch, das Ausdrucks- oder Stilmittel Vibrato zu beherrschen. Auch deshalb, weil das Publikum ein sicheres Vibrato bis heute als ein Qualitätsmerkmal wahrnimmt, das eine Sängerstimme von der Durchschnittsstimme unterscheidet – zum Beispiel eine Solistin von einer Begleitsängerin im Chor mit anderen. Allerdings stehen viele Gesangs-Einsteiger vor dem Problem, dass sich das Vibrato einfach nicht einstellen will. Anders als oft behauptet wird, ergibt sich das Vibrato nämlich bei vielen nicht von selbst, wenn sie nur entspannt einen Ton halten. Bevor wir zu der Frage kommen, was man tun kann, um einen Ton mit Vibrato zu singen, müssen wir verstehen, wie das Vibrato entsteht und welche Funktion es für das stimmlich gesunde Singen hat.

Vibrato als Entspannungsprinzip
Auch wenn wir uns nicht mehr am klassischen Vibrato orientieren: Aus der klassischen Tradition können wir viel lernen. Das Wichtigste zuerst: Vibrato ist nicht nur eine Qualität des Tons, die zur Klangfülle des Gesangs beitragen und die man als schön empfinden kann. Es ist auch ein Prinzip periodischer Muskelentspannung für die Stimme.

Wie Untersuchungen des Stimmapparats gezeigt haben, beruht der gleichmäßig auf und ab schwingende Ton der „Vibratowelle“ auf einem rhythmischen Wechsel von Spannungs- und Entspannungsphasen der Stimm-Muskulatur. An einer gut ausgebildeten Vibratowelle sind mehrere Muskelgruppen beteiligt: (a) das Zwerchfell (der Muskel für die Bauchatmung), (b) die Aufhängemuskulatur für den Kehlkopf und (c) jene Muskeln, die ringförmig die Stimmbänder umschließen und die Stellknorpel (die die Stimmbänder öffnen und schließen) in eine rollende Bewegung versetzen. Greifen diese drei Funktionen während des Singens eines Tons ineinander, werden Kehlkopf und Stimmbänder entlastet. Das schont die Stimme und wird vom Publikum als lockere, entspannte Sängerstimme wahrgenommen.

Ein „gerader Ton“ ohne Vibrato hingegen hält die Muskulatur der Stimmlippen in andauernder Spannung. Das führt beim Singen zu einer schnelleren Stimm-Ermüdung. Mit seinen rhythmischen Spannungs- und Entspannungsphasen beugt das Vibrato außerdem einem unkontrollierten Zittern oder Tremolo in der Stimme vor, kurz: Es stabilisiert den gehaltenen Ton.

In der klassischen Gesangspädagogik gilt das Vibrato aus diesen Gründen als unverzichtbar. So weit müssen wir nicht gehen; was wir aus der Perspektive der Popular-Gesangstechnik aber im Blick behalten sollten, ist die Einsicht: Das Vibrato ist nicht nur ein hoch geschätztes Ausdrucksmittel in vielen Genres, es ist auch ein Entspannungsprinzip, das Sängerinnen und Sänger beherrschen sollten, um auf lange Sicht ihre stimmliche Gesundheit zu erhalten.

Drei verschiedene Vibrato-Formen
Wie wir aus der Aufzählung der beteiligten Muskelgruppen oben schon erahnen können, ist das Vibrato in seiner Entstehung komplexer als es sich am Ende anhört. Es tritt in drei Formen auf, die wir oft auch ganz direkt bei berühmten Sängerinnen und Sängern hören und unterscheiden können.

Aus einer rhythmischen, stoßartigen Bewegung des Zwerchfells entsteht die „Atemwelle“. Sie wird wie das große „Ho, Ho, Ho“ des Weihnachtsmanns erzeugt, nur eben in einer Ausatmungsbewegung. Wenn der Luftstrom nachlässt, sackt der Ton jedesmal leicht ab, wird der Luftstrom stärker, steigt er wieder. Da die Atemwelle also ganz von der Intensität des (Aus-) Atemstroms abhängt, wird die Atemwelle auch „Intensitätsvibrato“ genannt. Die Luftstöße sind willentlich steuerbar, jedoch wird das Vibrato auf dieser Grundlage auch nicht sehr schnell (ca. 3 bis 5 Schwingungen in der Sekunde). Hier ein Beispiel dafür: Rock-Sänger Meat Loaf singt mit der Atemwelle.

Unabhängig vom rhythmischen Atem ist die „Glottiswelle“. Sie beruht auf Bewegung der Stimmschließmuskeln (eine Rollbewegung der Stimmknorpel), bei einem gleichbleibenden Luftstrom. Die eher hohe Geschwindigkeit wie auch Schwingungsausmaß der Glottiswelle sind kaum beeinflussbar (ca. 6 bis 8 Schwingungen in der Sekunde). In ihrer Extremausprägung ähnelt die Glottiswelle dem Meckern einer Ziege. Mit mehr Atemdruck, z. B. beim Singen mit voller Stimme in hoher Lage, verflacht die Glottis-Vibratowelle und gibt dem Ton einen engen, gequetschten Klang, dem die Körperanbindung fehlt. In mittleren Lagen klingt sie runder; im französischen Chanson ist sie besonders gebräuchlich, hier von Joan Baez:

Wir sehen: Beide Vibrato-Arten sind einseitig. Wir können sie aber zu einer einzigen, komplexen Vibratowelle verbinden. Dabei synchronisieren wir Atemschub und Kehlkopfbewegung zu einem Vibrato mittlerer Frequenz (ca. 4 bis 6 Schwingungen pro Sekunde). Es ist dieses komplexe Vibrato, das wir bei den eindrucksvollsten Gesangsstimmen hören. Ein charakteristisches Merkmal dieser „großen“ Stimmen besteht darin, dass die beiden zuvor genannten Vibratofunktionen unterschiedlich akzentuiert werden können: z. B. kann die langsame „Atemwelle“ tiefere Töne voller klingen lassen, die schnellere „Glottiswelle“ für eine Steigerung in mittlerer Stimmlage genutzt werden und das runde, komplexe Vibrato für eine starke Höhe.

Je nach Song oder dramaturgischem Kontext zwischen den Vibrato-Akzenten wechseln zu können, ist ein Gütesiegel für jede Stimme und erhöht enorm die Ausdrucksmöglichkeiten des Gesangs. Hier ein Beispiel für das komplexe Vibrato, von der wunderbaren Whitney Houston:

Das eigene Vibrato finden
Vibrato einzuüben, ja überhaupt erst einmal ein ausgewogenes Vibrato für die eigene Stimme zu finden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie stellt sich für jede Sängerin und jeden Sänger anders und kann nur Face to Face im Gesangsunterricht angegangen werden. Dennoch können ein paar Findungsideen hilfreich sein:

  • Stell Dir vor, Du findest etwas grandios lustig. Lass deine Stimme aufsteigen wie zu einem hohen, verbundenen Lachen (s. o. „Atemwelle“).
  • Wie in einem Kinderspiel: Du bist ein Schlossgespenst und jagst die anderen mit einem langgezogenen „Hui – Buh“, die Stimme mit einer Angst einflößenden Vibration; in langen Tonbögen gehst Du mit diesem Tremolieren hoch und runter („Glottiswelle“).
  • Sing benachbarte Töne (wie z. B. E-F), zuerst langsam wechselnd, dann immer schneller.
  • Für manche ist es hilfreich, sich beim Halten eines Tons einen tief hüpfenden Ball vorzustellen, um in ein Vibrato zu kommen.

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