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Pech & Pannen auf der Bühne

Ich ging auf die Bühne. Heute war mein Record-Release-Konzert, im Berliner Frannz Club. Zur Vorbereitung auf den großen Tag hatte ich viel geprobt mit meiner Band Red On Blue, trotzdem hatte ich Lampenfieber. Bei dem letzten Soundcheck hatte ich noch die Lyrics von ein paar meiner Songs auf der Bühne drapiert, in der Nähe meines Mikros. Für alle Fälle.

Als ich nun auf die Bühne kam, sah ich, dass die Songtexte alle weg waren. Meine Vorband hatte sie weggepackt. Sch … Aber die Schrecksekunde war nur kurz. Die Band spielte, die Musik nahm ihren Lauf und die Worte kamen wie von selbst zum richtigen Moment. Wie gut, dass ich so viel geprobt hatte! 

„Prozedurales Gedächtnis“ nennt man das heute. Die Kenntnis von Handlungsabläufen, die man quasi automatisch abrufen kann – wie Radfahren, Tanzen oder eben ein Lied singen. Sogar altersdemente Menschen haben das oft noch lange: Sie können keine zusammenhängenden Worte mehr sprechen, auch keinen Liedtext, aber wenn die Musik einsetzt, können sie ihn singen, von Anfang bis Ende. 

Text-Aussetzer: Was tun?

Trotz bester Vorbereitung kommt es vor, dass man plötzlich blockiert ist. Auch routinierte Stars können aus dem Prozess ihrer Performance herausfallen, bei einem Song, den sie schon unzählige Male gesungen haben. Blank-Out, plötzliche Leere, alles weg. Hier ein paar Beispiele dafür:

Jedem und jeder kann das passieren. Entscheidend ist, wie Du mit dem Aussetzer umgehst. Wie Du in dem Video siehst, gibt es viele Möglichkeiten: entwaffnende Offenheit, das Publikum singen lassen oder einfach mit anderen Textbausteinen drumherum singen, sprich: „faken“. Hier gibt es nicht die eine, richtige Lösung, allenfalls die Empfehlung, den Textaussetzer mit Humor zu nehmen und das Publikum mit einzubeziehen. Jede Performance auf der Bühne ist letztlich Entertainment. Wenn es gelingt, das Publikum zu unterhalten, verzeiht es viele Fehler.

Band spielt falsche Tonart, falsches Tempo

Ganz andere Pannen kannst Du als Guest-Star erleben. Auch das ist mir schon passiert: Nach der Ankündigung kommst Du auf die Bühne, die Band setzt nach kurzer Abstimmung ein mit dem abgesprochenen Song. Alles bestens, bis Du zum ersten Ton ansetzt und merkst: Die Musiker spielen den Song in einer anderen Tonart, zum Beispiel in F statt in C. Dann hast Du die Qual der Wahl, und Du musst sofort entscheiden: 

(a) alles vier Töne höher singen – und die höchsten Stellen dann mit Kopfstimme statt powervoll mit voller Stimme („belten“), oder (b) die Melodie fünf Töne tiefer singen – und dafür mit schwacher, klangarmer Stimme bei den tiefen Stellen (ohne Wumms). Oder (c) ein Mix daraus, rauf und runter oktavieren, wie es gerade zu Deiner Stimme passt. 

Noch größer ist die Not, wenn die Band den Song in Double-Time spielt. Im Jazzer-Milieu kommt das nicht selten vor. Übel nur, wenn die gastierende Vokalistin davon überrascht wird. Text und Melodie auf Anhieb doppelt so schnell singen zu müssen, kann ein Zungenbrecher werden bzw. zu einer verunglückten Stimmakrobatik. Was das für eine stimmliche Herausforderung ist, erahnst Du, wenn Du im folgenden Video Ella Fitzgerald siehst, die bis heute vielen als „Queen of Jazz“ gilt. In ihrer Version des Jazz-Standards „How High The Moon“ kommt der Wechsel zur Double-Time mitten im Song, aber: das ist natürlich vorher abgesprochen und gut eingeprobt. Sie nutzt dabei den „Scat“-Gesang, der es ihr erlaubt, frei von Text-Artikulation schnelle Tonfolgen zu improvisieren.

Ausprobieren und Neues entdecken

Immerhin: Auch auf Pannen wie Songs in unpassenden Tonarten oder falschem Tempo kannst Du Dich als Sängerin oder Sänger vorbereiten, jedenfalls in gewissem Maße. Übe Deinen Song mal in ganz unterschiedlichen Tonarten. Das kann lustig sein und Du lernst auch etwas dabei. 

Zum Beispiel wie Du Deine Stimmführung in Brust- und Kopfstimme so veränderst, dass Melodie und Text in verschiedenen Tonhöhen eine überzeugende, ausdrucksvolle Linie behalten. Vielleicht entdeckst Du dabei sogar eine neue Art, den Song zu interpretieren. Eine leichte, kopfige Stimme in ungewohnt hoher Lage oder eine volltönende Stimme in einer Lage, die zuvor zu hoch dafür war – dadurch können sich die Akzente, der Spannungsaufbau bis hin zum Charakter Deines Songs verändern.

Oder Du übst Deinen Song mithilfe einer Drum-Machine in einem anderen Tempo oder Rhythmus. Spüre, wie Dein Körper den neuen Rhythmus aufnimmt, und lass Deinen Gesang davon leiten. Ist der Rhythmus schneller, wirst Du Deine Melodieführung vielleicht verändern müssen, manche Töne oder Worte kannst Du nur kurz andeuten oder musst sie sogar übergehen. Im Rock-Gesang ist das lässige Wegwerfen von Tönen bei textlastigen Uptempo-Songs eine wichtige Fähigkeit („throwaway notes“). 

Probier Dich aus, am besten mit einem Deiner Lieblingssongs, den Du gern vor Publikum singst. Unterschiedliche Tonarten, Rhythmen oder Tempi zu proben hilft Dir dabei, flexibel zu reagieren, falls die Band auf der Bühne anders will als Du.

Technik-Ausfall

Unter den vielen Pannen-Szenarien, die ein Sänger auf der Bühne erleben kann, gehört eines zu den am meisten gefürchteten: Stromausfall, die ganze Technik bricht zusammen. In kleineren Clubs zum Beispiel kann das passieren, wie mir einmal in einem Szene-Club in Berlin-Kreuzberg. Zum Glück hatten meine Musiker akustische Instrumente und konnten auch ohne Strom weiterspielen. Ich sang ohne Mikro über die Band hinweg, dank meiner Gesangstechnik konnte ich den gesamten Clubraum mit meiner Stimme ausfüllen.

Tipps

Tragen wir zum Schluss nochmal rückblickend zusammen, was wir tun können bei Pech und Pannen auf der Bühne. Klar, gegen alle Eventualitäten können wir uns nicht absichern. Aber wir sind auch nicht machtlos, sondern können mehr tun als viele in ihrer Übungsroutine bedenken. Dazu gehört:

  • die Songs immer und immer wieder proben, für die Textsicherheit
  • in unterschiedlichen Tonarten, Rhythmen und Tempi singen, für mehr stimmliche Flexibilität und das Ausloten von Spielräumen für eine ausdrucksvolle Stimmführung / Songinterpretation
  • eine gut ausgebildete Stimme, um auch ohne Verstärkung einen größeren Raum mit dem eigenen Gesang ausfüllen zu können

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Sing a Song – Be Happy!