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Eine Gesangstechnik für alles? Klassisch versus Populargesang

Von Zeit zu Zeit kommen Gesangsschüler mit klassischer Vorerfahrung in mein Gesangsstudio. Sie hatten zuvor klassischen Gesangsunterricht genommen, möchten aber eigentlich kein klassisches Repertoire, sondern Rock- oder Popsongs singen. Dabei haben sie festgestellt, dass sie die Songs mit ihrer klassischen Gesangstechnik nicht singen können oder ihr stimmlicher „Sound“ nicht dazu passt. Wie kommt das? Und gibt es eine nicht-klassische Gesangstechnik, die den Rock/Pop-Bereich abdeckt?

Nicht wenige Gesangslehrer vertreten die Überzeugung, mit der klassischen Gesangstechnik könne man alle Musikstile singen. Sie geht auf eine lange Tradition komponierter Musik zurück, die in der Tat bewundernswerte Stimm-Virtuosen hervorgebracht hat – denken wir nur an die „Heldentenöre“ oder „Koloratursoprane“, die uns noch im heutigen Konzertleben den Atem verschlagen können. Wenn man in einer klassischen Gesangsausbildung gelernt hat, so zu singen, kann man dann nicht alles singen? „One size fits all“? So beeindruckend das ist – Nein. Werfen wir einen Blick in die Musikgeschichte, um zu verstehen, warum.

Kennzeichen des klassischen Gesangs

Was als „klassischer Gesang“ gilt, verdankt sich vor allem der Tradition des gesungenen musikalischen Dramas, der Oper. Solistisches Kernstück der Oper war schon seit der Zeit des italienischen Komponisten Monteverdi, Anfang des 17. Jahrhunderts, die Arie. In einer Arie musste der Solist in der Lage sein, über das ganze Orchester hinweg zu singen. 

Mit dem Gesang das Orchester zu übertönen und dabei sowohl klangschön als auch textverständlich zu singen, das stellte hohe stimmliche Anforderungen an die Solisten. Daraus ging der „bel canto“, die Kunst des schönen Singens hervor, die bis ins 19. Jahrhundert hinein gelehrt wurde. Obwohl es Zweifel daran gibt, ob der Belcanto je eine einheitliche „Technik“ war, gibt es doch einige allgemeine Kennzeichen des Belcanto-Gesangs. Zu ihnen gehören unter anderem 

  • die Resonanz der Stimme, wichtig für ihre Tragfähigkeit über das Orchester hinweg, 
  • Einheit der Stimmregister d. h. der unhörbare Übergang zwischen Kopf- und Bruststimme, 
  • Dynamik d. h. der Übergang zwischen Laut und Leise ohne hörbaren Wechsel der Tonqualität, 
  • Stütze und Halten langer Töne oder Phrasen, 
  • Ton-Verzierungen wie Triller und Vibrato. 

Nach dem italienischen Belcanto entstanden später andere einflussreiche klassische Gesangstraditionen. Da ist die Tradition der französischen Oper, und dann vor allem die deutsche Oper, die wir aus Wagners berühmten Musikdramen im Ohr haben. Der Gesang aus der deutschen Operntradition unterscheidet sich von dem italienischen Belcanto vor allem durch eine zusätzliche Dunkelfärbung des Tons: Durch eine ausgeprägte Tiefstellung des Kehlkopfs bekommen die gesungenen Vokale zusätzlichen Raum, klingen voller und dunkler. 

In der Gesangstradition des deutschen Kunstliedes hingegen wurde weiter die hellere Tonklangfarbe ohne Kehlkopf-Tiefstellung kultiviert (hörbar z. B. in Vertonungen von Franz Schuberts „Lindenbaum“). Wir sehen: Der Gesang aus der europäischen klassischen Tradition bietet kein ganz einheitliches (Klang-) Bild. Dennoch ist der italienische Belcanto im Rückblick zum Inbegriff des „klassischen Gesangs“ geworden, oft erweitert um die Tiefstellung des Kehlkopfs, die sogenannte „Gähnstellung“ beim Singen.

Vom „Belter“ zum modernen Populargesang

Vom klassischen Gesang aus dem alten Europa führt der Weg zum modernen Populargesang weiter über die USA. Bevor die elektronische Verstärkung des Gesangs kam, gab es in den Konzerthallen und Musiktheatern der USA zwei Arten von Sängern: (a) klassische Sänger, auch „legit singers“ genannt, die eine klassische Gesangsausbildung mitbrachten, und (b) die „belter“, die ihre Stimme nach Art des kraftvollen Sprechens oder Rufens gebrauchten, etwa wie bei einer offiziellen Bekanntmachung auf dem Marktplatz. Das „Belten“ als Singen in hoher Lage mit Sprechstimm-Qualität ist später in die Popularmusik eingegangen. 

Als sich in den 1930er und 40er Jahren die elektrische Verstärkung der Musik durchsetzte, war es für Sängerinnen und Sänger nicht mehr nötig, rein akustisch mit ihrer Stimme die Konzerträume zu füllen. Das Mikrofon erlaubte es, auch sanfte, intimere Töne über das Orchester oder die Band hinweg zum Ohr des Publikums zu bringen – und über den Rundfunk in die Wohnzimmer der Hörer. So konnte sich neben den klassischen Sängern und Beltern ein dritter Typus von Vokalist durchsetzen: (c) der „crooner“, im Deutschen durchaus sinngemäß (ebenfalls etwas abwertend) „Schnulzensänger“ genannt. Der junge Frank Sinatra z. B. war einer der frühen Crooner.

In den 1950er Jahren trat dann der Rock ‚n‘ Roll auf den Plan. Er brachte in den folgenden Jahrzehnten jene Vielfalt von Stilen und Genres hervor, die heute unter dem allgemeinen Label „Popularmusik“ zusammengefasst werden (im Englischen „contemporary commercial music“, kurz CCM). Seitdem hören wir eine nie dagewesene Bandbreite stimmlicher Sounds, die vom Hauchen in Balladen bis zu Schrei-Techniken im Heavy Metal reichen. Doch trotz dieser Vielfalt von Sounds: Vergleichen wir den Gesang im Rock/Pop-Spektrum mit dem klassischen Gesang, fällt im Kontrast auf, was für den Populargesang typisch ist: eine helle, nach vorn gerichtete Tonqualität, die an der Sprechstimme orientiert ist. 

Ein neuer Sound

Das zeigt sich schon äußerlich: Während klassische Sänger stets mit ovalen, vertikal geöffneten Mündern singen, sieht man Rock- oder Popsängerinnen ihre Vokale horizontal, in die Breite öffnen. Die sogenannte „Breitenspannung“ gibt den Vokalen ebenfalls mehr Raum, aber anders als im klassischen Gesang wird die Klangfärbung so heller statt dunkler. Viele Rock/Pop-Sängerinnen und -Sänger verbinden diese Öffnung in die Breite noch mit dem tonschärfenden „Twang“, einer Verengung im Kehlkopfbereich. Auf diese Weise erzeugen sie mehr Resonanz für die Tragfähigkeit ihrer Stimmen, ohne in einen „klassischen“ Sound zu fallen, der nicht zu ihrer Musik passt.

Sieh Dir nun ein Beispiel dafür an, aus dem Musical-Bereich: Idina Menzel mit dem Titel „Defying Gravity“. Die Dramaturgie ihrer Interpretation des Songs ist für uns sehr aufschlussreich: Während sie im ersten Teil des Songs noch mit weichen Übergängen zwischen Brust- und Kopfstimme wechselt, wie wir es aus dem klassischen Gesang kennen, geht sie danach in einen powervollen „Belt“ über. Sie singt mit voller Stimme in ihrer höchsten Lage, wie bei einem akklamativen Rufen. Und sie nutzt in der Höhe die Breitenspannung, um ihren Stimmklang hell und textverständlich zu halten. Diesen Sound könnte sie mit einer klassischen Gesangstechnik nicht erzielen. Hier ist sie:

Merkmale des Populargesangs 

Wir können nun einige typische Merkmale benennen, die den Populargesang vom klassischen Gesang unterscheiden, wie er weiter oben gekennzeichnet wurde:

  • Die Resonanz der Stimme wird mithilfe des Twangs und der Breitenspannung verstärkt (Schärfe und Hellfärbung des Tons).
  • Der Gesang orientiert sich an der Sprechstimm-Qualität, in hohen Lagen: Belting (Singen mit voller Schwingungsbreite der Stimmbänder).
  • Brust- und Kopfstimme werden oft voneinander getrennt statt klanglich vereint (gewollte stimmliche Brüche oder Kiekser).
  • Für einen intensiveren emotionalen Ausdruck werden auch Beigeräusche in den Gesang gemischt oder Schrei-Techniken angewendet: Hauch, Vocal Fry (Knarren) oder Rauigkeit des Tons.
  • Nur selten oder gar kein Vibrato-Einsatz (gerade Töne).

Diese Merkmale des Populargesangs lassen uns besser verstehen, warum klassischer Gesangsunterricht tatsächlich nicht für alle Musikstile geeignet ist. Die für den Gesang im Rock & Pop so typische Vokalöffnung in die Breite, Twang, Belten, Tonansätze, die vom Hauch über den „vocal fry“ bis zum „growl“ gehen, Spezialtechniken wie Schreien: Das alles sind Technikern, die in der klassischen Gesangsausbildung nicht unterrichtet werden – sie werden für die Interpretation klassischer Werke ja auch nicht gebraucht. Die gute Nachricht ist, sie sind Bestandteile einer nicht-klassischen Gesangstechnik, die heute weithin etabliert ist und in aller Welt von Profis unterrichtet wird. Um das alte Wort aus den 1930er Jahren aufzugreifen: Neben der klassischen Gesangstechnik kann mittlerweile auch die Popular- oder CCM-Gesangstechnik die Bezeichnung „legit singing“ für sich beanspruchen. 

Bei allen Unterschieden gibt es natürlich auch Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel profitiert die Popular-Gesangstechnik von vielen Techniken und Übungen, die in klassischen Gesangstraditionen entwickelt wurden – für die Atem- und Stützmuskulatur, Registerübergänge, Artikulation (Konsonanten) und vieles mehr. Auch stilistische Überschneidungen kommen vor, klassisch ausgebildete Sängerinnen und Sänger, die Popsongs singen und damit auch erfolgreich sind. Ein Beispiel dafür ist die Mezzo-Sopranistin Ann-Sofie von Otter mit dem Titel „This House Is Empty Now“. Während Elvis Costello im Original mit den hellen, geraden Tönen singt, die für den Populargesang so typisch sind, hören wir in der Version von Ann-Sofie von Otter eine leicht abgedunkelte Tonfärbung und viel Kopfstimme:

Das ist fraglos eine gekonnte Interpretation, und wunderschön für jeden, der die klassische Tonästhetik mag. Gesangsinteressenten, die in klassischer Klangästhetik singen möchten, verweise ich deshalb an geschätzte Kollegen, die in der klassischen Gesangspädagogik unterrichten. Nicht nur in den Opern- und Konzerthäusern, auch im Musiktheater oder modernen Musical gibt es nach wie vor Bedarf an klassisch ausgebildeten Stimmen.

Werkzeuge versus eine Gesangstechnik für alles

Eine Frage ist noch offen geblieben: Kann man denn mit der Popular-Gesangstechnik alle Stile gleichermaßen singen: Jazz, Heavy Metal, Soul, Folk, Rhythm & Blues, Mainstream-Pop, Musical, Independent, Country etc.? Du kannst Dir schon denken: Das „one size fits all“-Prinzip weckt auch hier falsche Erwartungen, so unterschiedlich die Genre-typischen Gesangsweisen im weiten Feld der Rock/Pop-Musik sind. Der Unterricht in Popular-Gesangstechnik kann nicht so etwas sein wie ein einheitlicher stimmlicher Ausbildungsgang, mit dem man die Fähigkeit erwirbt, alles zu singen, was es gibt im Rock-Pop-Bereich. 

Stell es Dir lieber so vor: Popular-Gesangsunterricht zeigt Dir die Tools, die Du brauchst, um den Stil Deiner Wahl in einer technisch abgesicherten, stimmlich gesunden Weise zu singen. Die Techniken, die oben genannt wurden, der Vocal Fry, das Belten usw. sind wie Werkzeuge, mit deren Hilfe Du die speziellen Stimmeffekte Deines Genres sicher erzielen lernst. Im Popular-Gesangsstudio steht gleichsam der Werkzeugkasten, und mit der fachkundigen Einweisung in den Gebrauch der richtigen Werkzeuge geht es schon los … und du bist mittendrin in einem spannenden Prozess der Entwicklung Deines ganz eigenen gesanglichen Ausdrucks – mit einem Sound, der zu Deinem Musikgenre passt.

In meinen Online-Gesangskursen lernst Du wichtige Tools für den Aufbau Deiner Stimme kennen. Schau gerne bei meinen Online-Gesangskursen rein!

Sing a Song – Be Happy!