Brust- und Kopfstimme


Kürzlich fragte die Mutter einer Gesangsschülerin, ob die Kopfstimme nicht eine „falsche Art zu singen“ sei. Tatsächlich ist diese Sicht auf die Kopfstimme gar nicht so abwegig – sie hat eine alte Tradition. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Kopfstimme oft „Falsett“, zu Deutsch: „falsche Stimme“ genannt und der volltönenden „Bruststimme“ entgegengehalten. Heute wird das Wort „Falsett“ als eine verhauchte, körperlich unangebundene „Fistelstimme“ von der Kopfstimme unterschieden. In diesem Blog-Artikel fragen wir uns: Worin besteht der Unterschied zwischen „Brust“- und „Kopfstimme“, wie unterscheiden sich hier Männer- und Frauenstimmen, und warum ist es wichtig, die Kopfstimme zu trainieren, um in hohen Lagen mit voller Stimme singen zu können?

Bei herausragenden Sängerinnen und Sängern ist es häufig kaum möglich, herauszuhören, ob sie gerade mit Brust- oder Kopfstimme singen. Erst der modernen Stimmwissenschaft ist es gelungen, den Unterschied zwischen Brust- und Kopfstimme genauer zu bestimmen, und zwar unabhängig vom Klang. Anatomisch, vom Aufbau unseres Stimmapparats her, kann man zwei grundlegende Arten der Stimmlippen-Aktivität unterscheiden. Die beiden Stimmlippen, die beim Sprechen, Singen, Rufen etc. unsere Töne erzeugen, bestehen aus einem Muskelbauch. Sein anatomischer Name ist: Thyroarytenoid-Muskel oder kurz TA-Muskel (früher auch Muskel vocalis genannt). Im Kehlkopf verläuft er jeweils vom Schildknorpel (dem Thyroid-Knorpel) zu einem der beiden Stellknorpel (einem Arytenoid), mit dem wir die Stimmlippen zusammenführen.

Spannen wir den TA-Muskel an, werden die Stimmbänder verkürzt und verdickt. So wird der Ton tiefer und lauter, etwa wenn wir mit voller Stimme sprechen. Dabei schwingen die Stimmlippen in voller Breite. Deshalb nennt man die TA-dominante Stimmlippen-Aktivität auch „Vollschwingung“ – das ist, mit dem geläufigen Wort, die „Bruststimme“. Hier im Bild (Blick von der Seite):

Wollen wir hohe Töne erzeugen, müssen wir unsere Stimmbänder hingegen dehnen. Auch das machen wir mithilfe eines Muskels, aber es ist ein äußerer Kehlkopfmuskel. Er verläuft zwischen Schildknorpel (Thyroid-Knorpel) und Ringknorpel (dem Cricoid-Knorpel) und heißt daher Cricothyroid-Muskel oder kurz CT-Muskel. Spannen wir ihn an, kippt er unseren Kehlkopf nach vorne-unten und zieht dabei unsere Stimmbänder in die Länge. So werden unsere Töne höher. Hier im Bild:

Wenn wir in die Höhe gehen wollen, müssen wir gleichzeitig etwas Spannung aus dem Muskelbauch unserer Stimmlippen herausnehmen. Dann schwingt der TA-Muskel nicht mehr in voller Breite, sondern geht zu einer Randschwingung über. Die Stimmlippen werden dünn und lang, der Ton leiser – das ist die „Kopfstimme“. Anatomisch wird sie heute CT-dominante Stimmlippen-Aktivität oder „Randschwingung“ genannt. Hier im Bild:

Wie wir sehen, sind hier zwei ganz unterschiedliche Mechanismen der Tonerzeugung aktiv, die deshalb auch „schwerer Mechanismus“ und „leichter Mechanismus“ genannt werden. Das ist wichtig zu verstehen, weil viele Anfänger, aber auch fortgeschrittene Sänger (vor allem männliche Sänger) mit einem „Bruch“ oder einer unsicheren Stimmführung zwischen Brust- und Kopfstimme zu kämpfen haben. Was passiert da?

Beim Sprechen sind unsere Stimmbänder kurz und dick – im „Vollschwingungs“-Modus („Bruststimme“ genannt, weil wir die körperliche Resonanz der Töne im Brustraum spüren). Über etwas mehr als eine Oktave (8 Töne) hinweg können wir in diesem Modus sprechen. Gehen wir mit unserer Stimme aufwärts, endet der Tonraum schließlich, in dem wir noch komfortabel sprechen können – ohne z. B. das Gefühl zu haben, den Kehlkopf nach oben drücken zu müssen.
Das ist der Punkt des „ersten Passagio“, der erste Übergangspunkt: Er liegt bei Tenören irgendwo zwischen dem D‘ und dem E‘, maximal F‘, bei Mezzo-Sopranstimmen etwa beim F‘. Über das erste Passagio können Männer noch ca. eine Quarte (4 Töne) mit voller Stimme hinausgehen, wobei das Sprechen dann schon einem angestrengten Rufen ähnlich wird. Danach erreicht man einen Punkt, an dem man mit voller Stimme nicht mehr höher aufsteigen kann – die Stimme sackt ab oder sie bricht und überschlägt sich in die Kopfstimme, nicht selten in das eingangs erwähnte dünne Falsett. Dieses „zweite Passagio“ liegt bei Tenören zwischen G‘ und A‘, bei Mezzo-Sopranistinnen weit höher, ca. bei D‘‘ bis E‘‘.

Zwischen diesen beiden Punkten liegt der Passagio-Bereich, der Übergangsbereich zwischen Brust- und Kopfstimme. Hier können wir zwischen Brust- und Kopfstimme hin und her wechseln. Es kann hilfreich und spaßig sein, mal spielerisch zwischen Brust- und Kopfregister hin- und herzuspringen, wie bei einem anfeuernden „Woo-hoo!“ (engl.) oder beim Jodeln. Z. B. so, wie Elvis Presley es hier zusammen mit den Sweet Inspirations in einer Probenpause macht:

https://www.youtube.com/watch?v=pWxxLz9Oqko

Vor allem aber ist der Passagio-Bereich der Tonraum, in dem unsere Mittelstimme oder „mixed voice“ liegt. Mit der „mixed voice“ können wir graduelle Übergänge zwischen Brust- und Kopfstimme schaffen, ohne dass unser Publikum einen Bruch hört. Singen wir z. B. mit Sprech-Qualität in voller Stimme und wollen von hier aus bruchlos nach oben in die Kopfstimme übergehen, müssen wir leiser werden: So nehmen wir graduell die Spannung aus unserem Stimm-Muskel (dem TA-Muskel), der unsere Stimmbänder verkürzt; dann können wir mithilfe der Kehlkopf-Kippfunktion (dem CT) unsere Stimmbänder in die Länge ziehen, um höhere Töne zu singen. Und umgekehrt können wir aus der höheren, randstimmigen Kopfstimmlage in die Sprechstimm-artige Vollschwingung übergehen, indem wir graduell wieder mehr TA-Muskelspannung dazugeben – oder „reinmixen“, wie der Name „mixed voice“ schon sagt.

Der Mix zwischen Voll- und Randschwingung öffnet auch unsere Gesangsstimme nach oben. Die gute Nachricht ist: Auch in höheren Lagen können wir mit Vollschwingung singen, ohne unsere Stimme zu schädigen. Das wird „Belten“ genannt: ein vollstimmiges Singen mit hoher TA-Muskelaktivität, das mit einer starken, abgesicherten CT-Funktion ausbalanciert ist. D. h. aber auch: Um in hohen Lagen mit voller Stimme singen zu können, müssen wir eine trainierte Kopfstimme haben. Ohne die Ausbalancierung mit der Kopfstimm-Funktion drücken wir nur unsere Bruststimme nach oben und brüllen oder bellen – und werden heiser. Eine Idee dieser Balance bekommen wir, wenn wir in diese kleine Demonstration von Pavarotti hereinschauen, die von dem amerikanischen Gesangspädagogen Seth Riggs kommentiert wird:

https://www.youtube.com/watch?v=-T4oi7vF3cM

Im Populargesang werden beim Belten noch weitere Funktionen wichtig, u. a. der „Twang“, durch den wir in stimmschonender Weise die Tragfähigkeit unseres Gesangs „boosten“ können (siehe den Blog-Artikel „Der Twang“).
Wenn es um den Mix von Brust- und Kopfstimme geht, gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Du hast es vielleicht schon bei anderen gehört oder an dir selbst bemerkt: Männern fällt der Übergang zwischen Brust- und Kopfstimme in der Regel schwerer als Frauen. Der Grund dafür geht auf das unterschiedliche Wachstum des Kehlkopfes in der Pubertät zurück. Testosteron-bedingt wächst der Kehlkopf von Jungen in der Pubertät um ca. 40 %, in gleichem Zuge werden die Stimmlippen größer und dicker, Ergebnis: Am Ende ist die Stimme um ca. eine Oktave (8 Töne) tiefer. Äußerlich ist das am sog. „Adamsapfel“ erkennbar, dem vorspringenden Schildknorpel des erwachsenen Mannes. Auch bei Mädchen wächst der Kehlkopf in der Pubertät, jedoch in weit geringerem Ausmaß. Am Ende ist ihre Stimme um ca. eine Terz (3 Töne) tiefer.

Das Größenwachstum des Kehlkopfes in so kurzer Zeit führt bei Jungen zum vorübergehenden Verlust der muskulären Balance zwischen Brust- und Kopfstimme (TA und CT) – hörbar als krächzende oder brüchige Stimme, auch am unsicheren Schwanken zwischen hohen und tiefen Tönen. Das ist der berüchtigte „Stimmbruch“, der bei vielen Männern noch im erwachsenen Alter nachwirkt. Im Unterschied zu Frauen müssen sie nach der Pubertät das funktionelle Gleichgewicht ihrer Stimme noch einmal ganz neu aufbauen. Das wirkt sich besonders auf den anspruchsvollen Übergang zwischen Brust- und Kopfstimme aus: Da ihre Stimmlippen größer und dicker sind als die von Frauen, müssen sie mehr Masse umschichten, um von Voll- zu Randschwingung und zurück zu wechseln. Um das ohne hörbaren Bruch zu bewältigen, benötigen angehende Sänger eine andere gesangspädagogische Unterstützung als Sängerinnen.

Es sei denn, sie wollen lieber Jodeln. Denn am Ende zählt nur eines:

Sing a Song – be Happy!

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Zu alt zum Singen?


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