Erweiterung des Stimmumfangs nach oben


Kann man seinen Stimmumfang nach oben erweitern, ohne tatsächlich zu singen? Indem man nur so tut, als ob – und sich vorstellt, man sänge die Töne, die (noch) zu hoch sind?

Im Jahr 2004 wurde eine Studie veröffentlicht, die nachwies, was man lange nur vermutet hatte: Muskelkraft lässt sich steigern, indem man lediglich ein größeres Signal vom Gehirn in die motorischen Neuronen sendet – ohne den Muskel selbst anzuspannen. Die Versuchsteilnehmer wurden instruiert, in ihrer Vorstellung so hart, wie sie können, mit ihrem kleinen Finger oder Ellbogen gegen einen imaginären Widerstand zu pressen. Wichtig dabei war, sich geistig bis ins Einzelne vorzustellen, ja nachzufühlen, wie man die Bewegung ausführt – ohne sie tatsächlich auszuführen. Nach zwölf Wochen Training, fünf Mal pro Woche für je 15 Minuten, hatte die Fingerspreiz-Kraft um 35 Prozent zugenommen, die Kraft der Ellbogen-Gruppe um 13,5 Prozent.

Auch unsere Stimme ist ein neuromuskuläres System, und wir können es leistungsfähiger machen. Um hohe Töne zu erzeugen, müssen wir unsere Stimmbänder dehnen, mit anderen Worten: wir müssen sie in die Länge ziehen. Das machen wir mithilfe eines Muskels: Der Cricothyroid-Muskel (CT-Muskel) ist ein äußerer Kehlkopfmuskel, der zwischen Schildknorpel (Thyroid-Knorpel) und Ringknorpel (dem Cricoid-Knorpel) verläuft (daher der Name). Wird er angespannt, kippt er unseren Kehlkopf nach vorne unten, den Schildknorpel zum Ringknorpel hin. Durch diese Kippfunktion werden die Stimmbänder in die Länge gezogen, wie du es hier auf dem Bild siehst (Blick von der Seite):

erweiterung-des-stimmumfangs

Wichtig ist dabei: Um unsere Stimmbänder mithilfe des CT-Muskels in die Länge ziehen zu können, müssen wir leiser werden. Der Muskelbauch unserer Stimmlippen, der uns mit voller Stimme sprechen oder singen lässt, verkürzt und verdickt unsere Stimmlippen, wenn wir lauter werden, und wirkt so der Dehnung unserer Stimmbänder entgegen. Daher müssen wir diesen Muskel (in der Fachsprache: den TA-Muskel oder Muskel vocalis) immer mehr entspannen, wenn wir zu hohen Tönen aufsteigen. Das heißt: wir müssen in die Kopfstimme gehen und leiser werden.

Hier kommt nun die Erkenntnis aus der Studie ins Spiel: Wir werden beim schrittweisen Aufsteigen so leise, bis am Ende nur noch „heiße Luft“ kommt, und machen immer noch weiter. Am besten kannst Du das mit Übungen tun, die wir als Aufwärm-Übungen kennen: dem Lippen-Blubbern oder dem Zungen-R. Am Beispiel: Du gehst mit Lippen-Blubbern in Terz-Stufen bis zur Quinte auf und ab, dann einen Tonschritt höher und wiederholst das immer weiter, mit immer leiserem Ton. Schließlich merkst du, dass du bei deinem höchsten Ton angekommen bist – es geht nicht mehr weiter. Statt wieder abzusteigen, wie bei einer bloßen Aufwärm-Übung, gehst du nun noch ein paar Stufen aufwärts und stellst dir dabei die höchsten Töne nur noch vor. Es ist eine vorgestellte Bewegung, aber wie die Probanden in der Studie bist du dabei höchst aktiv: Du singst (und hörst) keine Töne mehr, aber du fühlst sie wie vorher. Du kannst dabei sogar spüren, wie der CT-Muskel weiter aktiv ist, der deinen Kehlkopf kippt. Er kann deine Stimmbänder noch etwas weiter dehnen, weil nun vom Muskelbauch deiner Stimmlippen her keine verkürzende Kraft mehr aktiv ist, die der Dehnung entgegenwirkt.

Trainierst du auf diese Weise regelmäßig deinen CT, kannst du nach und nach versuchen, so leise wie möglich nach oben hin wieder Töne hinzuzugeben, auch in den anfangs nur noch angehauchten Bereich hinein. Und du merkst nach einiger Zeit: Du kannst mit deiner Kopfstimme Töne singen, die für dich zuvor unerreichbar waren.

Die CT-Funktion ist nicht nur für das kopf- oder randstimmige Singen wichtig. Auch für das stimmschonende Singen in hohen „Bruststimm“-Lagen (z. B. beim sog. „Belten“) ist die Ausbalancierung mit einer abgesicherten und starken CT-Funktion erforderlich. Auf dem Weg dorthin sind die Lippen-Blubber- oder Zungen-R-Übung bis in den tonlosen, nur noch simulierten Bereich ein guter Anfang.

Auch wenn es Spaß macht, gehe beim Üben bitte behutsam vor. Zu empfehlen:

  • Die CT-Übungen sind anspruchsvoll und verdienen deine volle Aufmerksamkeit. Überlege dir daher vorher, ob du die Blubber- oder Zungen-R-Übung nur zum Aufwärmen oder als eigene Übung zur Erweiterung deines Stimmumfangs nach oben machen möchtest.
  • Gehe nach oben hin immer nur ein bis zwei Tonschritte über deinen höchsten singbaren Ton hinaus und steig dann wieder ab.
  • Gib dir viel Zeit, dann kommen die Fortschritte ganz von selbst auf dich zu. Dann macht es auch mehr Spaß.

Sing A Song – Be Happy!
Herzliche Grüße, Deine Bernadette

P.S. Hast Du Fragen zu diesem Blog oder zu meinen Online-Kursen dann schreibe mir gerne eine E-Mail.
Du erreichst mich unter: info@singasong-behappy.de

Trainiere deine Stimme wie ein Sportler


Würdest du direkt nach dem Aufstehen eine Tiefkniebeuge mit 60 Kg auf den Schultern machen? Was für eine Frage, wirst du vielleicht denken, selbstverständlich nicht! Von früh auf haben wir gelernt, dass man seine Muskeln

Der Twang


Eine der am häufigsten gestellten Fragen in meinem Unterricht lautet: Was ist Twang? Oft rutscht die Stimme gerade bei Anfängern und Anfängerinnen nach hinten und verliert ihre Präsenz – vor allem in der Kopfstimme. Der

Erweiterung des Stimmumfangs nach oben


Kann man seinen Stimmumfang nach oben erweitern, ohne tatsächlich zu singen? Indem man nur so tut, als ob – und sich vorstellt, man sänge die Töne, die (noch) zu hoch sind? Im Jahr 2004 wurde