Körperhaltung beim Singen

Bernadette & Friends3. Mai 2026
Bild - Darstellung Körperhaltung - SingaSong-BeHappy

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Stell Dir vor, wie eine junge Frau in ihrem Proberaum vor dem Notenständer steht. Seit einer Stunde arbeitet sie an einer hohen Passage, aber es wird nicht besser – sie spürt einen Druck im Hals und ihr Ton hat nicht die Strahlkraft, die sie sich wünscht. Als sie beim Singen zur Seite in den Spiegel blickt, fällt ihr auf, dass ihr Brustkorb leicht eingesunken ist und ihr Kinn sich unbemerkt nach vorne geschoben hat. Es ist eine typische „Schonhaltung“, die man oft bei Menschen sieht, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.

Dein Körperlot finden

Falls Du eine solche, in sich zusammengesunkene Haltung bei Dir selbst auch schon bemerkt hast, sieh einmal in den Spiegel und versuche, Dein „Körperlot“ zu finden. Das ist eine gedachte Linie, die Deine Körperhaltung ideal ausbalanciert, hier im Bild:

In dieser Position, „im Lot“, sind die Gelenke so übereinander balanciert, dass der Muskelaufwand gegen die Schwerkraft am geringsten ist. Am besten stehen Deine Füße dabei schulterbreit auseinander, die Knie sind locker gestreckt. Deine Hüfte ist aufgerichtet, Deine Brust ist gehoben. Dein Schultergürtel ist entspannt mittig, die Arme hängen locker herab. Dein Nacken ist langgezogen und Dein Kopf frei beweglich. Oft wird das auch die „noble“ Haltung genannt, weil sie so vornehm wirkt.

  • Tipp: Stell einen Fuß ein wenig vor den anderen – das hilft Dir, ein seitliches Schwanken zu vermeiden. Verteile Dein Körpergewicht gleichmäßig über Deine Füße, auf Fersen und Ballen. Eine gute Standfestigkeit ist das Fundament Deiner Aufrichtung.

Spüre Deiner lotrechten Haltung im Abgleich mit Deinem Spiegelbild einmal nach, bis Du Dich entspannt aufgerichtet fühlst. Falls Du gerade nicht in einen Ganzkörperspiegel sehen kannst, stell dir vor, Du wärst eine Marionette, die an zwei Fäden hängt: ein Faden ist oben am Kopf befestigt, ein zweiter am Brustbein. So hältst Du den Kopf aufrecht und hebst die Brust.

Auswirkungen der Körperhaltung auf die Stimme

Das Tolle daran ist: Sobald sich Deine Fehlhaltung gelöst hat, wird auch Dein Ton an Resonanz gewinnen. Gehe gern probeweise einmal in ganz andere, auch „falsche“ Haltungen, um zu sehen, welche Wirkung das auf Deine Stimme hat. Sing den Vokal A, und:

  • schieb Dein Kinn vor und zurück,
  • setz Dich auf eine Stuhlkante, im Wechsel aufrecht und zur Seite oder vornüber hängend,
  • stell Dich hin, erst aufrecht mit angezogenem Kinn, dann mit eingesunkener Brust und Kinn nach vorne-oben.

Anders als es uns manchmal vorkommt, steckt unsere Gesangsstimme also nicht nur im Kehlkopf, sondern sie ist das Ergebnis einer komplexen körperlichen Statik. Wie Du bis jetzt schon feststellen konntest, hat eine gute Körperhaltung beim Singen vier große Vorteile:

  • muskuläre Verspannungen lösen sich,
  • Du hast mehr Luft und eine leichtere Atmung,
  • einen besseren Stimmklang,
  • weniger Ermüdung beim Singen.

Das Darstellungspotenzial von Haltungen

So wichtig Deine aufrechte Haltung beim Singen ist, sieh sie nicht als etwas Starres. Haltung steht in engem Zusammenhang mit Bewegung. Bewegungen lassen sich auffassen als ein fließender Wechsel von Haltungen, eine einzelne Haltung umgekehrt als eine Momentaufnahme der Bewegung. Wenn sie einen charakteristischen Moment eines Bewegungsablaufs festhält, kann eine Körperhaltung sogar eine ganze Bewegung zeichenhaft darstellen.

Für die Bühnenperformance eines Sängers oder einer Sängerin eröffnet das viele Möglichkeiten. Power Poses sind ein Beispiel dafür. Haltungen, die viel Raum einnehmen und einen Moment des Kraftaufbaus zeigen, wecken beim Zuschauer immer Aufmerksamkeit und Spannung. Durch die Körperhaltung können Sänger auch die psychische Verfassung einer Person sehr genau darstellen – von den ganz großen Gefühlen wie Freude, Angst oder Wut bis zu feinen Nuancen von Beschämung, Überraschung, Besorgnis oder Hoffnung.

Die Wirbelsäule: Zentrum Deines Repertoires an Haltungen

Deine Fähigkeit, beim Singen eine große Bandbreite von Gefühlen und Stimmungen auszudrücken, hängt direkt von der Beweglichkeit Deiner Wirbelsäule ab. Es gibt fünf Grundbewegungen, zu denen eine flexible Wirbelsäule in der Lage sein sollte: Beugung (Flexion), Streckung (Extension), Seitneigung (Lateralflexion), Drehung (Rotation) und Verschiebung (Translation). Hier siehst Du sie in einer Zeichnung:

Vorteilhaft ist es, mit einer Übung zur ersten Bewegungsform zu beginnen, der Beugung. Es ist eine einfache Übung zum Wirbelabrollen, die dazu dient, über einen beweglichen „Konzentrationspunkt“ die Segmente der Wirbelsäule einzeln anzusteuern und zu lockern – eine gute Lockerungsübung auch für das Singen, denn Blockaden in einem Abschnitt der Wirbelsäule übertragen sich unweigerlich auf den Kehlkopf und die Atemmuskulatur. Mach es am besten so:

  • Stell Dich aufrecht hin und lass den Kopf langsam sinken. Stell Dir vor, wie ein Punkt Wirbel für Wirbel vom Genick bis zu den Lendenwirbeln hinuntergleitet, während Du den Rücken abrollst (Dein Becken bleibt stabil und die Beine leicht gebeugt). Dann richte Dich ebenso langsam in umgekehrter Reihenfolge wieder auf. Diese Übung trainiert Deine Wahrnehmung für die Wirbelsäule und löst tief liegende Verspannungen.
  • Du kannst eine ähnliche Übung auch in der Seitneigung nach links und rechts machen. Oberkörperdrehungen zur linken und rechten Seite (fließend, ohne Schwung) sind zur Auflockerung ein guter Abschluss.

Die „Verschiebung“ und eine Übung aus der Pantomime

Eine selten beachtete Bewegungsform der Wirbelsäule ist die zuletzt genannte Verschiebung (auch „Translation“ genannt). Für die Performance beim Singen bietet gerade sie vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten. Grund genug, sie einmal gezielt auszuprobieren.

Dabei verschieben wir die Wirbelsäule in waagerechter Linie seitlich (nach links und rechts, wie in dem Bild oben dargestellt) oder nach vorne und hinten. Kopf, Brustkorb und Becken können parallel gegeneinander verschoben werden. Hals und Mittelkörper fungieren bei der Translation als bewegliche Zwischenglieder.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Körperwelle, eine Übung, die ich aus der Ausbildung und dem Training bei meinem Vater dem Pantomimen Eberhardt Kube kenne. In der Körperwelle werden alle möglichen S-Krümmungen der Wirbelsäule erfasst. Dadurch hat man einen Fundus von Grundhaltungen zur Verfügung, aus dem man unterschiedliche Figuren „bauen“ und dazu passenden „inneren Haltungen“ nachspüren kann.

  • Impulsgeber der Körperwelle vorwärts ist der Kopf, das Becken ist das passive Ende. Dein Kopf neigt sich und bewegt sich dicht am Brustbein entlang nach unten. Als wollte der Kopf unter einem Hindernis hindurch, reckt er sich nun nach vorn. Dann richtet sich der Kopf wieder auf, und indem er schräg nach oben strebt, zieht er Deinen Körper wieder zurück in die aufrechte Haltung.
  • In einer Variante der Übung stoppst Du Deine Bewegung während der Körperwelle bei verschiedenen Krümmungen – und gehst mit der „eingefrorenen“ Haltung durch den Raum. So kannst Du in ganz verschiedene Figuren schlüpfen und nachspüren, wie sich das anfühlt: gleich – unterschiedlich – passend zu welchen Gefühlen oder Stimmungen?
  • Tipp: Mach die Körperwelle mit Hilfe eines Partners oder einer Freundin, die mit punktueller Berührung die Impulse gibt. Du stellst Dich mit schulterbreitem Stand aufrecht hin. Dann wirst Du vom Anderen an unterschiedlichen Stellen Deines Oberkörpers angetippt und bewegst diesen Punkt hin oder weg vom Partner. Der Rest Deines Körpers folgt.

Mit Körperwelle-Übungen testest Du nicht nur die verschiedensten Bewegungsmöglichkeiten der Wirbelsäule und verbesserst die Mobilität Deines Rückens. Du baust Dir auch ein Repertoire an körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten für die Lyrics Deiner Songs auf.

Von Haltungsextremen in die ausbalancierte Mitte

Nach allen Haltungsvarianten, die Du ausprobierst, komm immer wieder in die Grundhaltung zurück – die anfangs erklärte „lotrechte“ Haltung. Sie ist die Basis der sängerischen Grundspannung. Sie ist auch die Mitte zwischen zwei Extremen, die in der Gesangspädagogik gut bekannt sind, weil so viele beim Singen in eine dieser extremen Haltungen verfallen: die gebeugte, in sich „zusammengesunkene“ Haltung einerseits und die überstreckte, „überengagierte“ Haltung andererseits. Beide führen zu Problemen beim Singen.

In der zusammengesunkenen Haltung singt man mit Rundrücken bzw. mit eingefallener Brust, die Schultern sind dabei nach vorne gezogen. Das behindert die Atmung und die Stütze des Tons, also den gleichmäßigen Luftstrom, auf den ein stabiler Ton angewiesen ist. Folge: zu wenig Luft beim Singen, unsichere, schwankende Töne, auch kein freier, voller Stimmklang, sondern gepresste Töne vor allem in der Höhe.

Was in der schlaff-gebeugten Haltung fehlt, ist in der überengagierten Haltung ein Zuviel an Spannung. Ein Stand mit hochgezogenen Schultern und nach hinten gezogenem Kinn führt zu einer künstlichen Verdunkelung des Klangs und zu schneller Ermüdung beim Singen.

Auch die Knie spielen eine oft unterschätzte Rolle. Durchgedrückte, „eingerastete“ Knie führen fast immer dazu, dass das Becken nach vorne kippt und man im Hohlkreuz steht. Das beeinträchtigt die Beweglichkeit der Wirbelsäule und verfestigt ungünstig die gesamte Körperstatik beim Singen.

Mach deshalb am Schluss erneut einen Check Deiner aufrechten Körperhaltung:

  • Deine Füße stehen schulterbreit auseinander (ein Fuß etwas vor dem anderen),
  • Deine Knie sind locker gestreckt (weder durchgestreckt, noch gebeugt),
  • Deine Hüfte ist aufgerichtet (ohne dabei die Bauchmuskeln anzuspannen),
  • Dein Brustbein ist „vornehm“ gehoben,
  • Dein Schultergürtel ist entspannt, die Arme hängen locker herab,
  • Dein Nacken ist langgezogen und Dein Kopf kann sich mühelos in alle Richtungen drehen.

Fazit

Deine Haltung ist die Grundlage Deiner Körpersprache beim Singen. Dem Publikum vermittelt sie zeichenhaft grundlegende Informationen über die Gefühle, Stimmungen und Dramen, die in Deinem Song stecken. Unser Tipp: Nutze das vielfältige Repertoire an Haltungen, das die Bewegungsarten Deiner Wirbelsäule Dir bieten. Experimentiere mit diversen Posen, z. B. mit Power Poses. Gehe dabei aber immer von der Grundhaltung aus – und in die Grundhaltung zurück: die aufrechte Haltung „im Lot“. Dann hast Du am Ende immer eine ausgewogene Körperstatik beim Singen, und das Singen macht Spaß!


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Sing A Song – Be Happy

Deine Bernadette

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