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Der Stimmbruch

Stimmbruch bei Mädchen

Die Eltern von Mädchen sind oft irritiert, wenn sie hören, dass ich nur Erwachsene oder Jugendliche nach dem Stimmbruch unterrichte. Sie gehen davon aus, dass der Stimmbruch nur bei Jungs auftritt. Das ist ungefähr so abwegig wie wenn man glauben würde, nur Jungen kämen in die Pubertät. In diesem Blog-Beitrag geht es um die Frage, was im Stimmbruch bei Mädchen und Jungen geschieht, was Kinderstimmen schon können und was daraus für das Singen und Gesangscoaching folgt.

Veränderungen

Der Stimmbruch findet in einer entscheidenden Phase der Entwicklung statt, der Pubertät: Es ist der Übergang von der kindlichen Stimme zur Stimme der Erwachsenen, der im Alter von 11-12 Jahren beginnt, angetrieben von dem Hormon Testosteron. Das Hormon bewirkt bei Jungen und bei Mädchen, dass Kehlkopf und Stimmbänder wachsen, allerdings unterschiedlich stark.

Im Körper von Mädchen bildet sich weniger Testosteron, ihr Kehlkopf wächst deswegen nicht so stark (um 20-30 Prozent). Größer wird der Kehlkopf bei Jungen (um 60-70 Prozent), in der Folge tritt er bei ihnen als „Adamsapfel“ deutlich hervor. Die Stimmbänder werden ebenfalls länger, ihr Muskelbauch (die „Stimmlippen“) dicker. Bei Jungen wachsen die Stimmbänder um etwa einen Zentimeter, bei Mädchen nur um 3-4 Millimeter. Dadurch sinkt der Tonhöhenbereich bei Jungen um bis zu einer Oktave (acht Töne), bei Mädchen bis zu einer Terz (drei Töne).

In der Regel beginnt der Stimmbruch im Alter von 11 oder 12 Jahren (bei Mädchen etwas früher als bei Jungen) und dauert sechs bis zwölf Monate. In selteneren Fällen kann es bis zu zwei Jahren dauern, bis die Tonhöhe der Erwachsenenstimme sich herausgebildet hat. Anzeichen für den Stimmwechsel sind, vor allem bei Jungen, heisere, raue oder brüchige Töne. Mehr als bei Mädchen kommt es bei Jungen in dieser Phase zu großen, unkontrollierten Schwankungen zwischen tiefen und hohen Tönen, mit einer allmählich durchbrechenden „erwachsenen“ Stimmqualität in der Tiefe.

Dabei handelt es sich um Anpassungsprobleme: Während die Kehlkopfknorpel und Stimmbänder in Schüben wachsen, gerät die muskuläre Koordination der Stimme immer wieder durcheinander und muss neu erlernt werden. Bei heranwachsenden Jungen kann dieser Übergang so krass ausfallen, dass es ist, als bräche da eine neue, fremde Stimme durch, die sie wieder von Null auf erlernen müssen: Ihr „Stimmalter“ beginnt wieder bei Null, obwohl sie schon 13 oder 14 Jahre alt sein mögen. Das hat eine wichtige Folge: Geeignetes stimmliches Training vorausgesetzt, erreicht eine männliche Stimme erst in einem Alter zwischen 25 und 30 Jahren ihr volles Potenzial – erst dann ist sie „ausgewachsen“.

Das ist viel später als bei Frauen, deren Stimmbruch im Mädchenalter unauffälliger verläuft. Bei ihnen hören wir stimmliche Schwankungen, auch Heiserkeit oder Luftigkeit, da die Stimmbänder zeitweilig nicht richtig schließen. Sonst ändert sich vor allem die Stimmfarbe: der vormals kindliche, eher flache Ton klingt voller und reifer, nachdem er etwas tiefer geworden ist.

Vor dem Stimmbruch: was die Kinderstimme kann

Nicht erst die Erwachsenenstimme, schon die gesunde Kinderstimme ab 5 oder 6 Jahren ist stark und fähig, stabile Töne und einen wohlklingenden, sogar brillant klaren Gesang hervorzubringen, der ein ganzes Orchester übertönen kann. Obwohl das immer schon die Erwachsenenwelt beeindruckt hat, wurde die kindliche Stimme in der Vergangenheit oft in ihren Möglichkeiten unterschätzt. Seit dem 19. Jahrhundert hat es Tradition, Kinder zum Singen mit möglichst sanften Tönen in hoher Lage, der Kopfstimmlage, anzuleiten.

In tieferen Lagen wurden Kinderstimmen häufig als harsch und unmusisch empfunden, bis hin zu der Meinung, dass es stimmschädigend sei, Kinder zum Singen mit voller Stimme, der „Bruststimme“, zu ermutigen. Bis heute hält sich sogar die Überzeugung, dass Kinder nur ein Stimmregister haben: die Kopfstimme. Mittlerweile wissen wir, dass Kinder, ebenso wie Erwachsene, in Brust- und Kopfstimme singen können – wobei die kindliche Stimme eine größere Ähnlichkeit mit der erwachsenen Frauenstimme zeigt. Im vor-pubertären Alter gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Jungen- und Mädchenstimmen (Größe und Aufbau des Stimmapparats ist etwa gleich).

Anders als Erwachsenen fällt es Kindern sehr schwer, von der Bruststimme zur Kopfstimme zu wechseln, wenn sie zu höheren Tönen aufsteigen. Kommen sie hingegen mit ihrer Kopfstimme von oben und gleiten abwärts, gelingt es ihnen besser, in die Bruststimme zu finden. Das spricht dafür, bei der Stimmbildung von Kindern nach wie vor bei der Kopfstimme anzusetzen, bei der die Stimmbänder gedehnt sind und nur an den Rändern schwingen. Über die Mittelstimme („Mix“ oder „Passagio“), in der graduell mehr Muskelspannung in die Stimmlippen gebracht wird, kann dann auch die Bruststimme für den kindlichen Gesang erschlossen werden: das Singen mit Vollschwingung der Stimmbänder. Die Vokalisierung von der Kopfstimme „nach unten“ gibt der Stimme Körperanbindung, ohne die Gefahr, dass der Ton hart wird und beim lauten Singen der Stimme schadet.

Das ist die Gesangspädagogik nach dem Vorbild der Wiener Sängerknaben. Ihr Ziel sind Klarheit, Klangfülle und Ausdrucksstärke der Stimme über den gesamten Umfang der Kinderstimme.

Der hörbare Registerwechsel bzw. Bruch zwischen Brust- und Kopfstimme gilt als Kennzeichen einer Erwachsenenstimme nach dem Stimmbruch. Im Gesangsunterricht lernen Erwachsene dann, so zu singen, dass man diesen Bruch nicht mehr hört. Wobei es Genre-bedingte Ausnahmen gibt: Lustigerweise wird beim Jodeln gerade der hörbare Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme zur Kunstform gemacht. „Jodeln“, das ist der archaische Gebrauch von Kopf- und Bruststimme, der zwischen den Bergen in den Alpen als Ruf kultiviert wurde, und zwar so, dass man das Überschlagen zwischen den Registern, „Kiekser“ oder „Schnackler“ genannt, deutlich hört. Auch Kinder und Jugendliche können jodeln: Hier ein Junge, der einen Country-Song von Hank Williams singt, in einem Video, das viral ging – beispielhaft auch dafür, wie wunderbar Kinder schon mit voller Bruststimme singen („belten“) können:

Abweichungen im Stimmbruch und die Kastratenstimme

Neben der gewöhnlichen Entwicklung von der Kinderstimme zur erwachsenen Frauen- oder Männerstimme gibt es auch Abweichungen. Beispiele dafür sind: der verfrühte oder verspätete Stimmwechsel, ein untypisches Absinken der Sprechstimmlage (ungewöhnlich tiefe Stimmen bei Frauen, hohe Stimmen bei Männern) oder ein Ausbleiben des Stimmwechsels. Ursache für diese Sonderwege der Stimme können Störungen im Hormonhaushalt oder psychische Faktoren sein. Die neue Stimme zu akzeptieren ist für Jugendliche, die wegen ihres Stimmwechsels möglicherweise Spott ausgesetzt sind, nicht immer leicht.

Die Veränderungen der menschlichen Stimme in der Pubertät stehen mit der Entwicklung der Sexualorgane in engem Zusammenhang: Werden einem Jungen vor Beginn des Stimmbruchs die Hoden entfernt, findet kein Stimmwechsel statt. Er spricht oder singt mit „Kastratenstimme“. Kastraten erlangten in früheren Jahrhunderten, bis ins 19. Jahrhundert hinein, in der italienischen Oper einige Berühmtheit. Vor der Pubertät wurde an den Knabensängern die Kastration vorgenommen, um ihre schönen Sopran- oder Altstimmen für das Erwachsenenalter zu bewahren. An die Stelle des früheren Kastratengesangs tritt im heutigen Konzertleben der Countertenor: die hohe erwachsene Männerstimme mit großer Virtuosität im Kopfstimmbereich. Welche Kunstfertigkeit ein Countertenor erreichen kann, stellt Philippe Jaroussky mit einer Arie von Vivaldi unter Beweis:

Tonumfang und Stimmgattungen im Erwachsenenalter

Nach dem Übergang ins Erwachsenenalter hat eine durchschnittliche Stimme einen Tonumfang von ca. zwei Oktaven (zwei Tonleitern). Ausgebildete Stimmen erreichen 2,5 bis 3 Oktaven, Stimmumfänge mit mehr als 3 Oktaven sind sehr selten.

Je nach dem, in welchem Tonbereich sie am besten singen können, werden die Stimmen der Sängerinnen und Sänger in verschiedene „Stimmgattungen“ oder Stimmlagen aufgeteilt. Im Konzert- und Chorleben ist die Einteilung in vier Stimmlagen üblich, in absteigender Reihenfolge: (a) Sopran, die hohe Frauenstimme, (b) Alt als tiefere Frauenstimme, darunter (c) Tenor, die hohe Männerstimme, und (d) der Bass als tiefste männliche Stimmlage. Zwischen den beiden Frauen-Stimmlagen liegt der Mezzosopran, zwischen Tenor und Bass der Bariton, allerdings sind diese Bezeichnungen eher für solistische Stimmen gebräuchlich.

Gesangsunterricht im Stimmbruch?

Was folgt aus alldem nun für das Singen und Stimmübungen im Stimmbruch? Gesangspädagogisch scheint es vertretbar, schon ab einem Kindesalter von ca. 6 Jahren mit Stimmübungen zu beginnen – etwa begleitend zum Kinderchor oder Musikunterricht in der Schule. Unter behutsamer Anleitung sehen wir in diesem Alter bereits beeindruckende stimmliche Fähigkeiten, die idealerweise bis in die Zeit nach dem Stimmbruch hinübergetragen werden können. Für viele gesangsbegeisterte Kinder ist es keine Option, in der Zeit der Pubertät ganz mit dem Singen aufzuhören. Bleiben sie in dieser Zeit auf sich allein gestellt, ist die Gefahr größer, Stimmschäden zu erleiden, als wenn sie parallel Gesangsunterricht bekommen.

Aber es ist auch riskant: Jungen, deren Kehlkopf in kurzer Zeit schnell wächst und die mit Heiserkeit und Brüchen in der Stimme zu tun haben, sollten ihre Stimme möglichst wenig strapazieren. Hier ist von Stimmtraining abzuraten. Vorsicht ist auch bei Mädchen ratsam, die in der Pubertät mit stimmlichen Instabilitäten kämpfen, auch wenn bei ihnen die Veränderungen geringer sind. Eine einzelfallbezogene Beurteilung ist hier am Ende wohl am verantwortungsvollsten, nach dem Motto: „one size does not fit all“.

Festzuhalten ist: Singen kann man in jedem Alter und (fast) immer!

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Sing a Song – Be Happy!