Wie wir unsere Stimme hören


Erinnerst Du Dich noch, als Du zum ersten Mal Deine Stimme gehört hast, auf einem Mitschnitt von einem Aufnahme-Gerät oder Handy? Wie Deine erste Reaktion war, wie erstaunt Du warst, vielleicht auch erschrocken darüber, wie fremd Deine Stimme klang …
Unsere Stimme ist ein Instrument, sagt man. Aber wie wir sie hören, unterscheidet unsere Stimme grundsätzlich von allen anderen Instrumenten. Nehmen wir an, Du spielst Gitarre. Während Du übst, achtest Du auf die Platzierung der Gitarre auf Deinem Oberschenkel, schaust zwischendurch auf die Finger Deiner linken Hand, mit denen Du die Saiten greifst. Vor allem aber verlässt Du Dich auf das, was Du hörst, um Dich selbst zu korrigieren. Was Du hörst, ist auch bei Gesangsübungen Dein wichtigstes Feedback.

Äußeres und inneres Feedback
Beim Gitarre Spielen kommt Dein akustisches Feedback von außen. Die Klänge werden vom Schall-Loch Deiner Gitarre aus in den Raum abgegeben. Von hier aus erreichen die Klänge auf zwei verschiedenen Wegen Deine Ohren: Ein Teil des Klangs wird von der Luft übertragen und erreicht direkt Deine Ohren, ein anderer Teil wird von den Wänden des Raums reflektiert und erreicht so auf indirektem Weg Deine Ohren. Was in geschlossenen Räumen von außen unsere Ohren erreicht, ob beim Üben zu Hause oder bei einem Auftritt, ist aus diesen beiden Übertragungswegen zusammengesetzt. Beim Singen ebenso wie beim Gitarre Spielen. Hier im Bild:

Aus diesen beiden Wegen setzt sich auch der Klang zusammen, den das Publikum hört, m. a. W.: Was Dein Gitarrenlehrer hört oder was Dein Publikum hört, ist im Wesentlichen das gleiche, was Du selbst hörst, wenn Du spielst. Doch hier stoßen wir auf den entscheidenden Unterschied, der das Singen so einzigartig macht.
Das Instrument des Sängers oder der Sängerin hat seinen Sitz innerhalb des Körpers. Das hat zur Folge, dass wir während des Singens noch auf einem dritten Weg akustisches Feedback bekommen: den vom eigenen Körper übertragenen Klang, unser inneres akustisches Feedback. Es stammt von den Vibrationen, die unser Gesang im Schädel (daher z. B. das Wort „Kopfstimme“), in Knochen wie dem Brustkorb („Bruststimme“) und im Körpergewebe erzeugt. Du kennst diesen dumpfen Klang, denn Du hast Dir bestimmt schon mal beim Sprechen die Ohren zugehalten. Hier im Bild:

Kognitive Dissonanz
Für das Publikum, auch für Gesangslehrer, ist dieser Klang nicht hörbar. Er wird vom Körpergewebe abgedämpft und bleibt im Körper des Singenden eingeschlossen. Was das Publikum hört, gelangt allein durch den Vokaltrakt des Singenden in den Raum, wo es über Luft und Raumhall zum Klangerlebnis wird. Wenn wir selbst singen, hören wir jedoch immer auch den inneren, vom eigenen Körper übertragenen Klang mit. Daher unterscheidet sich das, was wir selbst beim Singen hören, erheblich von dem, was unser Publikum hört.
Menschen, die gerade erst mit Gesangsunterricht begonnen haben, können von diesem Unterschied unangenehm überrumpelt werden. Das Feedback, das sie von ihrer Gesangslehrerin hören, passt womöglich gar nicht zur Wahrnehmung ihrer eigenen Stimme. Oder die Aufnahme ihres Gesangs, im Gesangsstudio mitgeschnitten, passt überhaupt nicht zu dem Klangprofil, das sie selbst vom inwendigen + äußeren Hören ihrer eigenen Stimme bisher hatten. Das ist eine „kognitive Dissonanz“, wie Fachleute es nennen, und der Umgang mit ihr bzw. ihre Auflösung ist eine Aufgabe, die sich so nur für Sänger stellt (und professionelle Sprecher).
Es ist der Anfang eines Lernprozesses. Auch später noch müssen wir immer wieder das vom inneren Hören gewohnte Klangprofil der eigenen Stimme zu jenem objektiven Klangprofil in Beziehung setzen, das Außenstehende, die Gesangslehrerin oder das Publikum hören.

Tipps
Das erfordert Geduld und eine gute Portion Anfangsvertrauen in die Rückmeldungen und Übungsvorschläge der Gesangslehrerin. Um ein besseres Gefühl für den Unterschied zwischen innerem und äußerem Feedback zu bekommen, empfehlen wir, beides einmal ganz voneinander zu trennen:

  • Inwendiges Hören: Sing so wie sonst, dann sing denselben Part mit zugehaltenen Ohren. Dann halte einen Ton, im Wechsel mit offenen und zugehaltenen Ohren. So bekommst Du einen Eindruck davon, wie sich Dein inneres Hören mit dem äußeren Hören vermischt, während Du singst.
  • Äußeres Hören: Mach einen Mitschnitt von Dir selbst während Deiner Gesangsübungen oder während Du einen Song singst. Auf der Aufnahme hörst Du Deine Stimme so, wie Dein Publikum Dich hört. – Um festzustellen, dass Dein Aufnahmegerät Deine Stimme wirklichkeitsgetreu wiedergibt, mach vorher eine Probeaufnahme mit einem guten Freund und vergleiche: Hört sich Dein Freund so an wie in Wirklichkeit, wird das Gerät auch Deine Stimme richtig wiedergeben.

Das Wechselspiel zwischen innerem und äußerem Hören, zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der eigenen Stimme ist eine bleibende Aufgabe für jeden, der an seiner Stimme arbeitet. Bleiben wir dran, stehen die Chancen gut, Schritt für Schritt die anfängliche Fremdheit der eigenen Stimme aus der ersten Tonaufnahme umzuwandeln: in ein Klangprofil, das beim Publikum gut ankommt und das wir als unseren ganz eigenen Sound anerkennen.

Sing a Song – Be Happy!

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